Was ist systemisch? - der beraterische und therapeutische Ansatz
Der Ansatz der Systemischen Familientherapie geht weit in die fünfziger Jahre zurück.
So wurde in den Anfängen unter anderem am Mental Research Institut (MRI) in Palo Alto (Kalifornien) von Don Jackson (Konzept der Familienhomöostase), Gregory Bateson, John Weakland der systemisch-konstruktivistische Therapieansatz entwickelt. Hiervon wurden dann in den folgenden Jahren viele wichtige Familientherapeuten wie Virginia Satir (Mitbegründerin des MRI, wachstumsorientierter Ansatz und Parts Party Methode), Jay Haley (Strategische Therapie), Paul Watzlawick, Steve de Shazer (Kurzzeittherapie)und Mara Selvini Palazzoli (Mailänder Arbeitsgruppe)inspiriert.
Die weitere Entwicklung nahm in den sechziger Jahren in Europa, hier besonders in Deutschland (Helm Stierlin und Horst-Eberhard Richter)und in Italien (Mara Selvini Palazolli), ihren Lauf.
Eine der zentralen Feststellungen war, dass auffälliges, "verrücktes" Verhalten keineswegs nur als Ausdruck innerseelischer Konflikte verstehbar ist, sondern als eine passende Reaktion im Zusammenhang mit den Umweltbedingungen, beispielsweise mit der Familienstruktur. Der therapeutische Blick erweiterte sich also vom Individuum auf die Beziehung, die Zweierbeziehung, die Familie, das Arbeitsfeld und noch größere Bezugssysteme. Aber auch auf die Kontexte, in denen Beratung und Therapie selbst stattfindet.
Als eine Grundlage für die systemische Praxis ist die Kooperation zwischen Berater/Therapeut und Klient von sehr hoher Bedeutung. Mit dieser Voraussetzung ist bereits der erste Schritt im Beratungs-/Therapieprozess getan. Dem Klienten gegenüber behält der Berater/Therapeut eine Haltung des Respekts, der Unvoreingenommenheit (Allparteilichkeit), des Interesses und der Wertschätzung gegenüber den bisherigen Handlungs- und Lebensstrategien.
Eine weitere wichtige Grundlage in der Systemischen Beratung/Therapie ist zu Beginn eines Beratungs- bzw. Therapieprozesses eine möglichst präzise Auftragsklärung mit dem Klienten zu erreichen, welche von Zeit zu Zeit überprüft werden sollte, da sich Ziele im Therapieverlauf ggfs. verändern können.
Ist z.B. in der Familie der Gleichgewichtszustand bedroht, haben das Symptom oder der Symptomträger die Funktion, den Status quo zu stabilisieren. Berater/Therapeuten können in dieser Folge u.a. Regeln und Muster des Familiensystems beschreiben, ihre Interventionen können das Familiensystem beeinflussen und verändern. Die Aufmerksamkeitsverschiebung wird dabei in Richtung derjenigen Prozesse gelenkt, die Systemveränderung und Systementwicklung bewirken. Eine mögliche daraus folgende Neuordnung des Systemgleichgewichts bleibt aber nicht vorhersagbar. So sind im Beratungs- und Therapieprozess neue Anregungen möglich, eine gerichtete Beeinflussung aber nicht.
Entsprechend werden durch den Berater/Therapeuten Aussagen und Argumente vom Klienten nicht vom Inhalt her gewertet, vielmehr werden Bewertungen wie richtig oder falsch und gut oder schlecht relativiert. Als alternatives Kriterium bietet sich hier an, danach zu fragen, wie angemessen und sinnvoll, wie ethisch vertretbar eine Sicht der Wirklichkeit und ein Handeln aus der Sicht der Person oder des Systems ist. Eine weitere Technik ist das sogenannte Refraiming. Die „Umdeutung“ ist mit einer der zentralen systemischen Techniken überhaupt. Beim Reframing wird dem Geschehenen oder Erlebten ein anderer Sinn gegeben, indem es in einen anderen Kontext gestellt wird. So liegt dem Umdeuten die wichtige Prämisse zugrunde, dass jedes Verhalten Sinn macht, wenn man den Kontext kennt.
Zusammenfassend bedeutet dies, dass Probleme in der Systemischen Beratung/Therapie nicht als Eigenschaften einzelner Personen gesehen werden. Sie sind vielmehr ein Ausdruck der aktuellen Kommunikations- und Beziehungsbedingungen in einem System. Symptome erscheinen auch nützlich, da sie auf Störungen der Entwicklungsmöglichkeiten hinweisen.
Ziel der Beratung/Therapie ist entsprechend eine Erweiterung der Wahrnehmungs- und Handlungsmöglichkeiten des/der Einzelnen und des Gesamtfamiliensystems. Berater/Therapeuten arbeiten hierfür ressourcenorientiert und in Kooperation mit dem Klienten. Der Berater/Therapeut versucht, die bisherigen Muster und Vorannahmen in Frage zu stellen und regt andere Sichtweisen an, um neue Interpretationsvarianten und Interaktionsregeln zu ermöglichen.
Heinz von Foerster hat für die Ausrichtung systemischen HandeIns und Denkens paradigmatisch formuliert: "Handle stets so, dass du die Anzahl der Möglichkeiten vergrößerst!“ (Ingenieur und Physiker, 1988, S.33)
Berater/Therapeuten sehen sich demnach nicht als die Experten, die primär eine Diagnose stellen und die Lösung vorgeben. Der Dialog mit ihren Klienten, einem Einzelnen, einem Paar oder einer Familie, zielt vielmehr darauf ab sie darin zu unterstützen, Blockaden in ihrer Entwicklungsdynamik aufzulösen und neue Perspektiven und befriedigendere Muster des Zusammenlebens zu entwickeln.
Familientherapie und aufsuchende Familienberatung:
Die Form der Systemischen Familientherapie ist eine lösungsorientierte und ressourcenorientierte Therapieform. Der Therapeut ist im Therapieverlauf auf die Mitwirkungsbereitschaft der Therapiesuchenden/Ratsuchenden angewiesen. Die Methodenvielfalt macht es dem Therapeuten möglich, im Therapieprozess individuell auf spezielle Fragestellungen der Therapiesuchenden/Ratsuchenden reagieren zu können. Die Fragetechniken und die Methoden werden dosiert und ausgerichtet an der Fragestellung bzw. des Therapieziels eingesetzt. Familientherapie ist Allparteilich, d.h. der Therapeut nimmt gegenüber dem Paar welches z.B. zur Erziehungsberatung erschienen ist, eine neutrale Position ein. Die Aussagen und Argumente die das Paar gegenüber dem Therapeuten trifft, werden durch den Therapeuten nicht mit „richtig“ oder „falsch“ bewertet. Durch bestimmte Fragetechniken werden im Gesprächsverlauf z.B. Unterschiede herausgearbeitet, die wiederum der Lösungsfindung dienlich sein können. Eine gute Lösung zu finden bedeutet in der Systemischen Familientherapie, den Therapiesuchenden/Ratsuchenden an seine/Ihre eigene Lösung heran zu führen. Eine Lösung die lediglich vom Therapeuten vorgeschlagen wird, wäre für das Paar vermutlich nicht hilfreich. Nur die eigene Lösung wird in Kombination mit einem Willen zur Veränderung nachhaltig und nützlich sein.
Der Therapeut wirkt in der Familientherapie daraufhin, dass sich im fortschreitenden Therapieverlauf das mögliche Handlungsrepertoire der Therapiesuchenden/Ratsuchenden erweitert.
Mögliche Einsatzgebiete von Systemischer Familientherapie können sein …
Fragestellungen zum Familiensystem (Herkunftsfamilie, Pflegefamilie, Adoptivfamilie, Patchworkfamilie, alleinerziehende Elternteile, usw.)